Jasmin Pfeifer- Doktorandin an der HHU und der Universität von Amsterdam

Hintergrund: Jasmin Pfeifer hat seit 2007 integrative Linguistik an der HHU studiert und sich nach ihrem Masterabschluss 2009 für eine Promotion an der HHU entschieden. Ihre Doktormutter Silke Hamann hat zu Beginn ihrer Promotion eine Stelle an der Universität von Amsterdam angenommen und seitdem forscht Jasmin Pfeifer parallel an der HHU und der Universität von Amsterdam. Im Interview spricht sie über ihre binationale Promotion und ihre Arbeit als Doktorandenvertreterin der philGRAD. 

Jasmin Pfeifer, Doktorandenvertreterin der PhilGRAD, Foto: Privat

Wie sieht Ihr akademischer Werdegang aus?
Ich habe 2007 an der Heinrich-Heine Universität mit dem Bachelor in integrativer Linguistik begonnen, und von 2009 - 2012 den Master angeschlossen. Nach dem Master Abschluss in 2012 habe ich mit meiner Promotion begonnen. 

Woran arbeiten Sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit?
Ich befasse mich mit dem Thema der „kongenitalen Amusie“. Dies ist eine wenig bekannte Störung bei der man trotz intakter Sinnesorgane unfähig ist, Tonfolgen und/oder Rhythmen zu erkennen und diese vokal oder instrumental wiederzugeben. Der Begriff „kongenital“ bedeutet „angeboren“, da ich mir nur die Variante anschaue, die von Geburt an bei Probanden vorhanden ist. Es gibt auch noch eine, die durch Unfälle, Tumore etc. auftreten kann, diese beziehe ich aber nicht mit ein. Die „Amusie“ ist relativ wenig erforscht. Es gibt erst seit ca. 15 Jahren Forschung daran. Das bedeutet, als ich 2008/2009 angefangen habe daran zu arbeiten, gab es kaum Literatur zu diesem Themengebiet und es gab noch so gut wie gar nichts zum Thema „Sprachwahrnehmung“. Wir sind somit einer der Ersten die daran arbeiten, was es natürlich sehr spannend macht. Es gibt weltweit nur 5 Gruppen, die sich mit diesem Forschungsthema beschäftigen und wir sind Eine davon. Das ist zwar Pionierarbeit, aber genau das macht es besonders interessant. 

Ich arbeite interdisziplinär mit den Schnittstellen der Linguistik, Musikwissenschaften, Psychologie und Neurologie. Ich suche mir Probanden mit dieser Störung und schaue mir an, wie diese Musikwahrnehmungsstörung die Sprachwahrnehmung beeinflusst. Ich mache verschiedene Studien mit diesen Menschen, unter anderem auch EEG-Studien. Das bedeutet, ich gucke mir deren Gehirnwellen an und schaue mir an, welche Prozesse ablaufen. Die Messungen finden an der HHU statt und teilweise auch in Amsterdam. Ich mache eine bi-nationale Promotion, das heißt ich promoviere halb hier und halb in Amsterdam. Die Versuchspersonen sind dementsprechend zur Hälfte deutsch und die andere Hälfte niederländisch. 

Wie viele Probanden benötigen Sie für Ihre Arbeit?
Es gibt recht wenig Leute mit dieser Störung. Nur 4% der Bevölkerung sind davon betroffen. Das heißt ein Großteil meiner Arbeitszeit besteht darin Probanden zu suchen, die diese Störung haben. Idealerweise haben wir 15 Amusiker in unseren Studien und 15 „normale“ Kontrollpersonen. Wir suchen meistens nach Leuten mit musikalischen Symptomen, weil diese eher erkannt werden als die sprachlichen. Die Leute können meistens Lieder ohne Text nicht erkennen oder haben Schwierigkeiten unterschiedliche Töne wahrzunehmen. Ungefähr 50% der Betroffenen haben auch kein Rhythmusgefühl. Es ist keine homogene Störung, also gibt es nicht nur eine Ausprägung davon. Manche haben nur Probleme mit Tonhöhen, manche nur mit Rhythmus oder mit beidem. Manche Amusiker mögen nicht so gerne Musik und vermeiden diese. In den extremsten Fällen kann diese Störung zu Kopfschmerzen oder Konzentrationsproblemen führen. 

Was ist besonders an einer bi-nationale Promotion und wieso haben Sie sich dafür entschieden?
Ich habe an der Heinrich-Heine Universität angefangen zu promovieren und dann hat meine Doktormutter Silke Hamann die Uni gewechselt. Sie ist nach Amsterdam gegangen, hat ihre Stelle hier aufgegeben und wollte gerne, dass ich ihr nach Amsterdam folge. Ich wollte jedoch nicht ganz nach Amsterdam ziehen. Also bin ich jetzt halb hier und halb in Amsterdam. Bi-national bedeutet auch, ich werde am Ende meinen Abschluss von beiden Universitäten bekommen, jedoch besitze ich dann nicht zwei Doktortitel, sondern nur einen. Dieser ist dann von beiden Unis bi-national und gleichwertig ausgestellt. Ich habe mehrere Betreuer/innen in Amsterdam und mehrere Betreuer/innen hier, dadurch dass man in Holland immer zwei bis vier Betreuer hat. 

Wie teilen Sie sich Ihre Arbeitszeiten an den beiden Universitäten auf? Wie oft sind Sie an der HHU und wie oft in Amsterdam?
Bei bi-nationalen Promotionen ist es normalerweise so, dass man ein halbes Jahr an der einen Uni und ein halbes Jahr an der anderen Uni verbringt. Ich pendle aber tatsächlich wöchentlich hin und her. Ich bin montags, mittwochs und freitags in Düsseldorf und dienstags und donnerstags in Amsterdam. Ich habe dort keine Wohnung und fahre morgens hin und abends wieder zurück. Auf den Fahrten im ICE kann ich jedoch ganz gut arbeiten. 

Sie sind auch Kollegiatin im DFG-Sonderforschungsbereich 991 - welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?
Dadurch das meine Betreuer Prof. Dr. Indefrey und Jun.- Prof. Dr. van de Vijver im SFB sind, bin ich als Doktorandin dort angegliedert. Das hat den positiven Vorteil, dass ich mich mit den SFB-Doktoranden austauschen und das Kursangebot, wie beispielsweise Statistikkurse wahrnehmen kann. Zusätzlich dazu bin ich philGRAD Mitglied und philGRAD Doktorandenvertreterin.

Was sind Ihre Aufgaben als Doktorandenvertreterin und wie schaffen Sie diese neben Ihrer Promotion?
Meine Aufgabe ist es, die Interessen der anderen Doktoranden und Doktorandinnen zu vertreten. Wir sind zwei Doktorandenvertreterinnen. Ich vertrete die Interessen der strukturierten Promovierenden, also derer die in anderen Graduiertenkollegs eingebettet sind. Meine Kollegin vertritt die Individualpromovierenden. Wir arbeiten sehr eng mit der philGRAD Koordinatorin Simone Brandes zusammen und diskutieren gemeinsam, welche Kurse gebraucht werden, was das Interesse der Doktoranden ist und wie man sich beispielsweise besser austauschen kann. Wir haben ein Netzwerktreffen ins Leben gerufen, sodass man sich einfach Mal informell treffen und austauschen kann. 

Was haben Sie selber als Mitglied der philGRAD in Anspruch genommen?
Ich habe einige Kurse über die philGRAD, über HeRA und über die iGRAD besucht. Dadurch, dass meine Arbeit naturwissenschaftlich ausgelegt ist, habe ich eher Kurse der iGRAD über die philGRAD besucht. Es war immer sehr hilfreich, dort Doktoranden aus den unterschiedlichen Bereichen kennen zu lernen. Ich lege es auch jedem Doktoranden ans Herz, Mitglied der jeweiligen fakultären Graduiertenakademie zu werden, da ich nur positive und hilfreiche Aspekte darin sehe. Das Kursangebot und die gute Betreuung sind etwas von dem man nur profitieren kann. 

Ich habe von Ihrem Tanzprojekt mit jungen Flüchtlingen gehört. Was machen Sie dort genau?
Ich selber tanze tatsächlich gar nicht. Ich bin an dieses Projekt gekommen, da ich an der Uni die Zusatzqualifikation „Deutsch als Fremdsprache“ gemacht habe . Über meine Amusiearbeit habe ich einige Zusammenarbeiten, unter anderem mit der Musikhochschule. Eine Kollegin, mit der ich an der Musikhochschule arbeite hat mich dann gefragt, ob ich nicht mitmachen wollen würde. Das Projekt verbindet Rap und Hip-Hop mit Deutsch lernen. Es richtet sich hauptsächlich an junge Flüchtlinge, die unter 18 sind. Momentan ist findet das Tanzen drei Mal die Woche statt. Es kommen immer andere Teilnehmer.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Die Doktorarbeit soll möglichst bald fertig werden und danach würde ich gerne einen Drittmittelantrag stellen, um ein eigenes Forschungsprojekt zu meinem Forschungsthema fortführen zu können. Ich bleibe also der Wissenschaft treu. 

Das Interview führte Mareike Schulz im Dezember 2015.

 

 

Zur Person

Jasmin Pfeifer

Abschluss:
2009 - Bachelor in Linguistik
Thema der Bachelorarbeit: "Kongenitale Amusia: Linguistisch und Neurolinguistisch"

2012 - Master in Linguistik
Thema der Masterarbeit: "An Experimental Study on the Influence of Congenital Amusia on Speech Perception" 

seit 2013 - bi-nationale Promotion in Linguistik an der HHU und der Universität von Amsterdam

Thema der Dissertation:
"Speech Perception Impairments in Congenital Amusia"

Betreuende:
Prof. Dr. Paul Boersma, University of Amsterdam
Prof. Dr. Dr. Peter Indefrey, Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft der HHU
Jun.- Prof. Dr. Silke Hamann, University of Amsterdam
Prof. Dr. Henkjan Honing, University of Amsterdam
Jun.-Prof. Dr. Ruben van de Vijver, Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft und Computerlinguistik

Graduiertenausbildung:
Mitglied der Graduiertenakademie der Philosophischen Fakultät philGRAD und Doktorandenvertreterin der philGRAD

Zusätzliche Informationen:
Kollegiatin des DFG-Sonderforschungsbereichs 991 der HHU

Auslandsaufenthalt: DAAD Stipendium und Forschungsaufenthalt in Australien zu einer bedrohten Sprache

Publikationen:
Pfeifer, Jasmin & Hamann, Silke (2015) Revising the diagnosis of congenital amusia with the Montreal Battery of Evaluation of Amusia, Frontiers in Human Neurosciences 9:161

Pfeifer, Jasmin & Hamann, Silke (2015): Web-based testing of congenital amusia with the Montreal Battery of Evaluation of Amusia in Proceedings of the Ninth Triennial Conference of the European Society for the Cognitive Sciences of Music

Schaal, Nora, Jasmin Pfeifer, Vanessa Krause & Bettina Pollock (2015): From amusic to musical? – Improving pitch memory in congenital amusia with transcranial alternating current stimulation, Behavioural Brain Research 294: 141–148

Pfeifer, Jasmin & Hamann, Silke (2014). “Congenital Amusia in linguistic and non-linguistic pitch perception - What behavior and reaction times reveal” in Proceedings of Speech Prosody 7, 2014, 438-442.

Pfeifer, Asano et al. (2014) “Report of the Summer School of Pitch, Music & Associated Pathologies (Lyon, July 9–11, 2014)” Psychomusicology: Music, Mind and Brain 24(3): 264-271

Hamann, Silke, Mats Exter, Jasmin Pfeifer & Marion Krause-Burmester (2012): Perceiving Differences in Linguistic and Non Linguistic Pitch: A Pilot Study With German Congenital Amusics. Proceedings of the 12th International Conference on Music Perception and Cognition (ICMPC) and 8th Triennial Conference of the European Society for the Cognitive Sciences of  Music (ESCOM), 398-405. 

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